Wir hätten auch still sein können.
- Julia

- 3. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Wir hätten auch einfach funktionieren können. Den Mund halten. Weitermachen. Haben wir aber nicht. Und diese Entscheidung hat uns richtig viel gekostet.
Der Deal klang gut. Zu gut, um nein zu sagen.
Wir hatten einen 5-tägigen Auftrag auf einem großen Event und das gleich mit zwei Ständen. Der Veranstalter des Events wollte uns unbedingt dabei haben. Eigentlich wären wir zu der Zeit schon in Südafrika gewesen, aber weil es so ein großes Event war, ein gehobenes Publikum kam und es finanziell extrem attraktiv war, konnten wir nicht Nein sagen und haben unsere Reise verschoben.
Einen kleinen Haken gab es aber bei diesem Event - Stell Dir vor Dir sagt jemand: „Verkauf Dein Essen, aber es gibt jemand anderen, der Dein Essen abkassiert und Dein Geld verwaltet. Genau so war es bei diesem Event. Wir haben unser Essen rausgegeben und der Gastro-Partner des Veranstalters, der sich bei den Events eigentlich um die Verpflegung der Besucher/innen kümmert, hat lediglich Getränke rausgegeben und die komplette Kasse übernommen.
Definitiv nicht unser Wunsch-Setup. Aber wir haben es akzeptiert – unter einer klaren Bedingung: wir bekommen täglich eine transparente Auswertung mit allen Absätzen und Umsätzen und das pro Stand. Damit wir nachvollziehen können, ob die Zahlen mit unseren Listen, die wir separat geführt haben, übereinstimmen.
Das sollte für so einen großen Gastro-Partner keine sonderliche Herausforderung sein und das war auch das Feedback, das ich vorab bekam: „Julia, wir haben hier ein Kassensystem im Einsatz, das 100.000 Euro gekostet hat, das ist überhaupt kein Problem.“
Und genau hier ist alles gekippt.
Nach zwei Tagen hatten wir immer noch keine einzige Auswertung. Dann kam ein Mitarbeiter, der mir einen Teil unserer Zahlen in einer iPhone Notiz von sich zeigte, dann kamen fehlerhafte Auswertungen, zwischenzeitlich wurden unsere Zahlen per WhatsApp an eine Foodtruck Kollegin geschickt, die ebenfalls im gleichen Setup mit dem Gastro-Partner zusammenarbeitete. Aber das Krönchen kam mit der eigentlichen Auswertung aus dem Kassensystem, die wir dann am 3. Veranstaltungstag bekommen haben: auf unser Essen wurden teilweise Rabatte gegeben, die mit uns nicht abgesprochen waren.
Das war der Moment, in dem Du merkst: Du hast keine Kontrolle mehr über deinen eigenen Umsatz. Für einen kleinen Anbieter wie wir es sind, ist das kein „unschönes Detail“. Das ist existenziell. Uns tun schon ein paar nicht erfasste Portionen pro Tag weh. Wenn man das über mehrere Tage, mehrere Stände und hohe Stückzahlen hochrechnet, reden wir nicht mehr über Kleinkram.
Parallel dazu: Die Belastung.
Wir haben nicht aus unserem Foodtruck gearbeitet, sondern aus fremden Containern. Fremde Abläufe. Fremde Küche. Zwei Stände gleichzeitig. Viele Mitarbeitende. Das allein war schon ein kleine Challenge.
Der Gastro-Partner, der die Getränke rausgegeben hat und die Kasse machte, arbeitete viel mit Aushilfen, die über vieles nicht informiert waren. Die Folge: Wir haben Kundenfragen zu Getränken beantwortet. Wir haben beim Bezahlen geholfen. Wir haben fremde Aufgaben übernommen – neben unserem eigenen Job.
Die Tage waren hart. Körperlich und mental. Angie hat extrem gelitten. Ihr Blutdruck war jenseits von gut und böse. Irgendwann ging es nicht mehr. Man hat ihr im Gesicht angesehen, dass sie am Limit ist. Wir hatten dann den Deal: Angie schaut, dass das tägliche Geschäft läuft, ich regel die andere Scheiße mit den Auswertungen. Für mich war klar: wir lassen uns nichts gefallen und wir lassen uns vor allem nicht für dumm verkaufen. Wir ziehen hier sämtliche Register, um gerecht behandelt zu werden, weil eins war klar: die nehmen uns nicht ernst.
Die Angst, die niemand sieht.
Unser gesamter Umsatz dieser Tage lag bei einem einzigen Partner. Das heißt wir waren komplett abhängig. Und irgendwann kommt sie einfach, diese Angst: Was, wenn wir unser Geld nie sehen? Wir haben mehrfach versucht, es partnerschaftlich zu klären. Sachlich. Ruhig. Transparent. Nichts hat sich geändert.
Eskalation fühlt sich nicht stark an. Sie fühlt sich scheiße an.
Ich kann Euch nicht sagen, wie viele Telefonate, Gespräche, Streits es gebraucht hat, bis wir an unsere ersten Zahlen - und zwar schriftlich - gekommen sind. Wenn du dir dann die Auswertungen anschaust und feststellst, dass vorne und hinten nichts stimmt und dein offizieller Ansprechpartner vor Ort dir dann plötzlich sagt: „uh, mit der Kasse hab ich nichts zu tun, das musst du mit meinem Chef klären“, dann platzt selbst mir als sehr geduldige Person der Kragen. Spätestens da war klar: So arbeiten wir nicht weiter.
Die Entscheidung.
Wir haben uns mit einer Kollegin abgestimmt, die im gleichen Setup gearbeitet hat und die gleichen Probleme mit dem Gastro-Partner hatte. Und haben dann eine klare Grenze gezogen:
Entweder: Wir machen unsere Kasse an den nächsten beiden Tagen selbst oder…wir bleiben am umsatzstärksten Wochenende komplett geschlossen. Das wären insgesamt 4 Stände gewesen.
Für den Gastro-Partner ein Risiko. Für uns ein noch größeres. Aber das war uns egal.
Sie haben zugestimmt. Notgedrungen.
Und siehe da: Die letzten beiden Tage liefen problemlos. Keine Diskussionen. Keine Intransparenz. Keine Spielchen. Wir hatten endlich wieder Spaß an der Arbeit. Das hat man nicht nur Angie angemerkt sondern dem ganzen Team, das aber auch die Tage zuvor trotz der ätzenden Stimmung zwischen uns und dem Gastro-Partner einen super Job gemacht hat.
Der Preis kam aber danach.
Unser Geld für die ganzen Tage haben wir bekommen. Ja.
Aber:
Es hat über einen Monat gedauert.
Es gab weitere Versuche, uns hinzuhalten.
Ein Mitarbeiter hat uns aus Versehen eine interne Mail weitergeleitet, in der stand, welche Ausrede man uns als Nächstes schreiben soll.
Nebenbei:
Zwei Monate Dauerstress
Urlaub ohne Erholung
Schlaflose Nächte
Hoher Blutdruck
Und das Wissen: Diese Eskalation kostet uns zukünftige Aufträge. Große Events. Viel Umsatz.
Würden wir es wieder so machen?
Ja. Jederzeit.
Wir hätten es einfacher haben können. Wir hätten schlucken können. Wir hätten uns verarschen lassen können. Aber dann wären wir nicht wir.
Was wir aus diesem Event gelernt haben:
Respekt ist manchmal teurer als Umsatz. Aber billiger, als sich selbst zu verlieren.
Und wer dich einmal verarscht, tut es wieder – wenn du ihn lässt. Und das ist nicht unser Weg. Das sind nicht wir.
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