Der Tag, an dem Angie mir den Glühwein ins Gesicht spuckte
- Julia

- 26. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Jedes Jahr, wenn wir auf dem Weihnachtsmarkt stehen und Glühwein trinken, muss ich an diesen einen Moment denken. Wir standen nebeneinander, ich weiß nicht mal mehr genau, worüber wir geredet haben, und plötzlich kam der Satz einfach aus mir raus:
„Schatz, ich glaub, ich bin Feministin.“Angie war so perplex, dass sie den Glühwein ausspuckte. In diesem Moment habe ich gemerkt: Dieser Gedanke kommt nicht aus dem Nichts. Der Glühwein in meinem Gesicht schon.
Lange Zeit hätte ich den Satz selbst nicht so ernst genommen. Ich hab einfach meinen Job gemacht, große Projekte geleitet, Entscheidungen getroffen und Verantwortung übernommen – ohne groß drüber nachzudenken, dass ich eine Frau bin. Ich fühlte mich nie benachteiligt.
Dann meldete meine Abteilungsleiterin mich für so einen Workshop an. Er hieß „Ladies Drive“. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, dachte nur: „Geil, AMG fahren!“ In Wirklichkeit war es eine Veranstaltung für angehende weibliche Führungskräfte, Selbstreflexion, Leadership und so weiter. Ich saß da, hörte den anderen Frauen zu, wie sie über ihre negativen Erfahrungen in der Männerwelt sprachen, und dachte: „Hm, echt jetzt? Damit kann ich null anfangen.“ Ich hab mich darin nicht wiedergefunden. Vielleicht, weil mein Umfeld damals anders war. Vielleicht hat es sich für mich einfach nicht so angefühlt. Rückblickend stelle ich mir heute Fragen, die ich mir damals definitiv nicht gestellt habe. Nicht, weil ich Antworten habe – sondern weil sich mein Blick verändert hat.
Aber irgendwie denke ich auch, dass das schon immer in mir war. Als ich mit 6 mit Fußball angefangen habe, gab es keine Mädchenmannschaften, da war es normal mit den Jungs zu kicken – bzw. gab es einfach kaum Mädchen, die überhaupt Fußball gespielt haben. Als einziges Mädchen im Team hörte ich oft vom Spielfeldrand: „Guck mal, da spielt ein Mädchen!“ Für mich war das normal, und meine Jungs haben mich immer akzeptiert. Ich musste mich aber jedes Spiel aufs Neue beweisen – nicht, um besser zu sein, sondern einfach, um ernst genommen zu werden. Ich hab gelernt, mich durchzusetzen, ohne groß drüber nachzudenken, warum das nötig war.
Das hat im Job von Anfang an ziemlich gut funktioniert, weil ich einfach Ich selbst war. Doch dann kam der Punkt, an dem das plötzlich nicht mehr ausreichte. Ich hatte die glorreiche Idee – okay, eigentlich kann ich froh sein, sonst würde ich das hier nicht schreiben – noch einmal das Unternehmen komplett zu wechseln, um richtig eins obendrauf zu setzen.
Und landete in einer Welt, die für mich einfach nicht gemacht war. Extrem männlich geprägt, wenige Frauen auf Führungsebene, hierarchisch bis zum Anschlag. Mir wurde gesagt, ich sei eingestellt worden, um Dinge zu verändern – nur um dann zu merken, dass sie das eigentlich gar nicht wollten …oder konnten. Ich passte nicht ins System, meine Meinung zählte nur, wenn sie ins Bild passte. Schon in der Probezeit wollte ich kündigen – wie das ankam? Mir egal. Angie hat mich dann noch überredet: „Komm, gib denen nochmal eine Chance.“ Zwei Monate später war klar: Es geht nicht. Ich habe gekündigt. Wenn es nichts für dich ist, dann hab Eier – und geh.
Heute weiß ich: In der Business-Welt, besonders in unserer Foodtruck- und Gastro-Welt, musst du als Frau laut sein. Du musst dich behaupten. Es kostet Energie. Es ist hart, es ist anstrengend, manchmal verdammt zermürbend. Aber es fühlt sich richtig an. Es lohnt sich.
Genau deswegen schreiben wir hier über unsere Erfahrungen: über die Momente, in denen es hart wird, über Fehler, Zweifel und alles, was sonst gerne unausgesprochen bleibt. Wir zeigen, was es wirklich bedeutet, als Frau ein Unternehmen zu führen – ehrlich, ungeschönt, manchmal kantig, immer direkt, aus erster Hand. Und ja: manchmal lachen wir dabei auch über die dummen Situationen, in die wir uns selbst bringen. Bald gibt’s genau dazu richtig richtig absurde Einblicke.

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